27.07.2011

Wenn Grenzen zwischen Schein und Sein verschwimmen

Brennpunkt Afghanistan: Eine Bundeswehr-Einheit mit knapp 60 Soldaten erreicht mit ihren Fahrzeugen ein Dorf. Der Auftrag: Die deutsche Friedenstruppe soll verhindern, dass Terroristen weitere Anschläge vorbereiten. Die Straßen der kleinen Ortschaft sind voller Menschen in landestypischer Kleidung. Ob Freund oder Feind ist unklar. Plötzlich feuert ein Unbekannter mit einem Maschinengewehr. Einer der Deutschen wird getroffen. Doch statt einer Verletzung zeigt lediglich ein Tonsignal, dass Lebensgefahr besteht. Der Soldat hat Glück gehabt: Er befindet sich auf einem deutschen Truppenübungsplatz in Sicherheit. Das realitätsnahe Szenario soll ihn auf seinen Einsatz in Afghanistan vorbereiten.

Das Manöver findet auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colblitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt statt. Auf der mit 30 mal 15 Kilometer größten unbebauten Fläche Deutschlands hat Rheinmetall vor einigen Jahren federführend das Gefechtsübungszentrum des Heeres (GÜZ) aufgebaut. Bis zu 1.500 Soldaten können hier gleichzeitig üben. Echte Panzer, Fahrzeuge und Waffen kommen zum Einsatz und werden mit einer von Rheinmetall Defence entwickelten speziellen IT-Lösung miteinander vernetzt.

„Das Einzige, was bei dieser Live-Simulation fehlt, ist der scharfe Schuss“, erläutert Ulrich Sasse, Geschäftsführer bei Rheinmetall Defence Electronics. „Geschossen wird stattdessen mit Platzpatronen, Laser und Funk. Die Signale und damit die Wirkung der Schüsse werden von tausenden Detektoren an den Fahrzeugen und überall am Körper der Soldaten gemessen und ausgewertet.“

Ganz anders verlaufen die Manöver auf dem rein virtuellen Truppenübungsplatz, den die Bremer Rheinmetall Defence Electronics 2010 in der Schweiz errichtet hat. Das Mechanisierte Ausbildungszentrum (MAZ) der Schweizer Armee in Thun hat einen der weltweit größten und modernsten Schieß-, Gefechts- und Taktiksimulatoren der Welt erhalten.

Von der Einzelausbildung eines Richtschützen über die Schulung von Panzersoldaten bis zur Taktikausbildung eines vollständigen Bataillonsstabes kann die Schweizer Armee jetzt mit virtueller Simulation alle Ausbildungsstufen abdecken. Die Vorteile: Bevölkerung und Umwelt bleiben von Abgasen, Verkehrsbehinderungen und Schießlärm verschont und selbst extreme Situationen können bei geringem Materialverschleiß trainiert werden.

Auch wenn die Übungsszenarien ausschließlich von der Festplatte kommen, wirken Fahrzeuge, Landschaften, Gefechtsdarstellungen und Geräusche realitätsnah. Programmiert wurde ein Übungsgelände mit 460 Ortschaften und rund 9.000 Straßenkilometern. Projektoren sorgen in den 35 originalgetreuen Kampffahrzeugnachbildungen für echt wirkende 360-Grad-Ansichten. Alles ist miteinander vernetzt.

„Die besondere Herausforderung beim Aufbau war für uns die enorme Komplexität des Simulatorverbunds“, erläutert Ulrich Sasse. „Die Kontrolle über ein Netzwerk von über 900 Rechnern, 348 Projektoren und 616 Sichtsystemkanälen ist sowohl entwicklungstechnisch als auch logistisch eine Höchstleistung und hat die Spitzenstellung von Rheinmetall Defence auf diesem Gebiet erneut unterstrichen“, sagt Sasse nicht ohne Stolz.

Zurück in Sachsen Anhalt: Das GÜZ hat sich zur Drehscheibe für Auslandseinsätze der Bundeswehr entwickelt. Jeder deutsche Soldat, der in einer Krisenregionen wie Afghanistan oder dem Horn von Afrika eingesetzt werden soll, wird im GÜZ etwa zwei Wochen lang vorbereitet.

Für realitätsnahe Übungsszenarien sorgt nicht nur die ausgefeilte Technik. Zur Stammbesatzung des GÜZ gehören etwa 1.150 Menschen, die in den Übungen Feinde oder Zivilisten darstellen. Die Detailtreue reicht bis zur landestypischen Kleidung von Aufständischen oder Demonstranten. Für die reibungslose Organisation und Betriebsunterstützung ist ebenfalls der Rheinmetall Geschäftsbereich Simulation mit fast 200 eigenen Mitarbeitern vor Ort zuständig. Das GÜZ ist inzwischen das Vorzeigemodell für eine funktionierende Public Private Partnership, eine Kooperation zwischen Staat und privaten Unternehmen.

Auch international findet das GÜZ Anerkennung: Neben deutschen Soldaten lassen sich auch ausländische Truppenteile zum Beispiel aus Österreich, Frankreich, Belgien oder Luxemburg im GÜZ auf ihren Einsatz in den Krisengebieten der Welt vorbereiten. Hohes Wachstumspotenzial für Rheinmetall Defence bieten außerdem Aufträge für komplette Gefechtsübungszentren im Ausland. So stand das Geschäftsjahr 2010 für den Bereich Live-Simulation ganz im Zeichen der Umsetzung eines bedeutenden Auftrages in der Golf-Region. Viele weitere Staaten blicken interessiert auf die Rheinmetall-Kompetenz bei Trainingszentren – eine Kompetenz, die international Standards setzt.

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